„Blut und Panik im Tunnel“: Interviews

Bei einer Demo in Ingelheim scheint die Polizei Hunderte Menschen in Lebensgefahr gebracht zu haben. Zeug:innen berichten von massiver Gewalt.

Dies ist der Text, den ich für die taz über die Ereignisse am 15.08.20 geschrieben habe.

Hier findet ihr wie angekündigt: Einige der Interviews, die ich am 17.08.20 mit Betroffenen geführt habe. Sie erscheinen mit ihrem Einverständnis.

Wichtig: Es handelt sich hier um subjektive Schilderungen. Das bedeutet nicht, dass nicht stimmt, was ihr lest. Aber Menschen, vor allem Menschen in Panik, können sich irren. Oder auch nicht – aber es ist wichtig, das im Hinterkopf zu behalten. Die Namen der Betroffenen sind auf ihren Wunsch geändert.

Ich selbst achte vor allem auf Folgendes: Wo stimmen die Schilderungen überein? Widersprechen Sie sich? Falls ja, bei was? Gibt es offene Fragen?

Meine Hoffnung ist, dass diejenigen, die sich über den taz-Text hinaus für die Ereignisse interessieren, hier fündig werden.

Solltet ihr aus den Gesprächen zitieren, bitte ich um Quellenangabe.

Vielen Dank an alle Betroffenen für ihr Vertrauen und ihre Zeit. Los geht’s.

Artemis C.

  • 27 Jahre alt
  • dokumentierte den Protest mit Videos

Die Polizei sagt, ihr aktueller Stand sei, dass eine Seite des Tunnels offen war. Die Nachforschungen würden aber noch laufen. Können Sie da was zu sagen?
Ich muss widersprechen, dass eine Seite offen war. Beide Seiten waren von Polizisten geschlossen und es wurde von beiden Seiten gleichermaßen Druck ausgeübt. Sie haben gedrückt, sodass Leute Atemnot bekommen haben. Es wurde von beiden Seiten – ausdrücklich von beiden Seiten – Schlagstöcke verwendet, Pfefferspray verwendet und Leuten Schläge verpasst und ins Gesicht gegriffen.

Wurde das Pfefferspray in den Tunnel reingesprüht?
Ja. Das is auch auf dem einen Video von mir auf Twitter erkenntlich.

Wie ist es aus Ihrer Sicht zu der Situation gekommen?
Ich bin mit dem Zug aus Richtung Köln angekommen. Wir sind angekommen und es hat angefangen zu schütten. Ich weiß nicht, wie viele wir waren, aber es war eine relativ lockere Stimmung, wir hatten einen friedlichen Protest geplant. Wir haben da gestanden und gewartet, 80 bis 100 Leute.

Dann wollten wir losgehen zum Ort der angemeldeten Kundgebung. Die Polizei hat uns angewiesen, durch den Tunnel zu gehen und sobald etwa die Hälfte der Menschen drin war, hat die Polizei angefangen, Leute die Treppen runterzuschubsen und in den Tunnel reinzudrücken. 

Das sieht man auf dem letzten Video, das ich gepostet habe. Die Polizei hat geschrien: ‚In den Tunnel!‘ ‚Ab da rein! Geht da rein’“ Auf dem Video sieht man auch, wie zwei Personen anfangen zu zittern und zu schreien, weil sie in den Tunnel gedrückt werden. Dann waren wir im Tunnel.

Am Anfang dachte ich, ok, wir werden jetzt hier durchgeprügelt: Das ist nicht unbedingt etwas, was man nicht von Demonstrationen kennt. Aber in dem Moment kam von der Seite auch Druck. Dann wurde von beiden Seiten gerufen „Lasst uns raus“ und es wurde von beiden Seiten Druck ausgeübt. Und es fing ziemlich schnell an mit Schlägen, also Schläge haben eigentlich schon angefangen, als wir in den Tunnel reingedrängt wurden.

Das Pfefferspray kam direkt danach. Und es gab vorher – also ich sehe das bei anderen Demonstrationen auch, dass von beiden Seiten Provokationen ausgehen. Ich sehe Schwarz-Weiß auf beiden Seiten. Aber bei dieser Demonstration gab es keine einzige Provokation von Seiten der Demonstrierenden. Wir sind angekommen und wurden direkt in den Tunnel gedrückt.

Es gab keine Vorgeschichte irgendeiner Art?
Nein. Es hat direkt angefangen. Es gab keine Vorgeschichte irgendeiner Art.

Ist dokumentiert, dass von beiden Seiten gedrückt und geschlagen wurde?
Ich bin mir da hundert Prozent sicher, weil ich es selbst gesehen habe und es von allen, mit denen ich gesprochen habe, gehört habe. Aber belegen kann ich es nicht.

Wo standen Sie denn?
Ich stand ziemlich weit am Ende des Tunnels, ich war einer der letzten, die in den Tunnel reingedrückt wurden.

Und es war gut erkennbar, was auf der anderen Seite des Tunnels passiert?
Ja. Also man hat die Schlagstöcke auch gesehen, die da angewendet wurden. Man sieht auch auf einem Video, dass mit Schlagstöcken gegen die Decke gehauen wird: Man sieht, dass da Polizisten in der Menge sind, die mit ihrem Stock gegen die Decke schlagen und auch um Hilfe schreien.

Wie hat sich die Situation dann aufgelöst?
Also, es hat ne Weile gedauert. Es waren mehrere Minuten im Tunnel. Es hat sich so stark verschärft, dass ich irgendwann mit dem Arm gegen die Wand gedrückt habe und neben mir stand ne relativ kleine Person, die definitiv sonst auch zerdrückt worden wäre, ich hatte auch keine Hand mehr frei [er hat gefilmt]. Eine Aktivistin hat mir dann die Sonnenbrille aufgesetzt, als es mit dem Pfeffer losging.

Sie hat auch Pfeffer abbekommen und mehrere Schläge. Und es hat sich eigentlich nicht direkt aufgelöst. In meiner Umgebung haben alle um Hilfe geschrien. Ziemlich viele haben Panik bekommen, es sind auch einige Leute zusammengebrochen in dem Pulk.

Irgendwann hat es sich angefangen aufzulösen, weil die Polizei den Weg am anderen Tunnelende langsam freigemacht hat. Die Polizei hat uns dann weiter durch den Tunnel schubst, aber da war es nicht mehr so eng.

Also die Polizei hat die Menge dann zur anderen Tunnelseite gedrückt, die anfangs dicht war?
Ja, genau. Als wir aus dem Tunnel raus waren, im Regen, wurden die ersten verarztet. Augen ausgewaschen. Eine Platzwunde hab ich gesehen, die behandelt wurde.

Haben die Polizist:innen irgendetwas kommuniziert zur Situation, außer „Ab in den Tunnel“?
Ich hab nichts mitbekommen. Was ich weiß, ist nur, dass die Polizist:innen, die mit uns drin gefangen waren, auch angefangen haben zu schreien, als das mit dem Drücken anfing. ‚Lasst uns raus‘ und ‚Hört auf damit!‘ Das war offensichtlich, dass die selbst nicht wussten, was da gerade passiert. Alles wirkte völlig willkürlich. Das war für mich so krass.

Es ist ja nichts passiert vorher. Es gab nichts. Trotzdem wurde einfach gedrückt und geschlagen und Pfefferspray in den Tunnel gesprüht. Einer hat noch gesagt, ich krieg keine Luft, ich kann nicht atmen und hat dann Pfefferspray ins Gesicht bekommen. Das war lebensgefährlich. Ich find das richtig krass. Ich kenn Leute, die körperlich und psychisch richtig mitgenommen waren und das immer noch sind.

Falls es noch irgendwas gibt, das Ihnen später einfällt: Schreiben Sie mir gern.
Was ich noch anmerken kann: Eine Bekannte von mir war etwas früher da. Sie wollte möglichst weit hinten gehen, im bürgerlichen Teil der Demo. Ihr wurde der Durchgang verwehrt, obwohl sie gesagt hat, dass sie zur angemeldeten Kundgebung möchte. Als sie in den Tunnel kam, kamen ihr Leute entgegen, von denen einer schon eine Platzwunde hatte.

Jason P.

Sie hatten geschrieben, dass Sie an der Treppe standen und einen relativ guten Überblick hatten.
Richtig.

Wie war der Ablauf?
Wir kamen an und haben schon gemerkt, dass ein relativ großes Polizeiaufgebot da war. Wir sind ganz normal die Treppen runtergelaufen. Dann haben wir gemerkt: Der Ausgang rechts zur Stadt ist zu. Was ich dann später erst gesehen habe, ist, dass der andere Ausgang auch zu war, sodass die Leute dann quasi – ja, gefangen waren.

Es hat sich immer mehr geballt, es wurde immer lauter und unruhiger. Die Situation ist dann auch relativ schnell eskaliert. Warum oder wieso war überhaupt nicht zu erkennen. Es gab auch keinerlei Kommunikation von Seiten der Polizei an die Demo, dass der Hauptausgang zu ist. Niemand wusste, was Sache ist oder wo man hinsollte.

Wir sind an der Treppe geblieben, weil einer von uns Asthma hat. Die Unterführung war ja unfassbar klein und schmal. Als Bewegung reinkam, sind wir nach unten, da hab ich extrem viele Menschen gesehen, die noch Panikattacken hatten, Pfefferspray abbekommen, Leute, die uns blutüberströmt entgegenkamen, Platzwunden. Das war ne sehr extreme Situation, die ich so noch nie erlebt hab. Ohne, dass es irgendeinen Zwischenfall groß gab.

Also, beide Ausgänge waren zu?
Genau, ich hab das daran gemerkt, dass Leute es nach rechts versucht haben und meinten, da geht ned. Dann gabs ne Bewegung in die andere Richtung, aber da hat sich auch nicht viel getan. Die Leute waren wie gefangen dadrin. Es hat eine Orientierungslosigkeit geherrscht, die Leute wussten gar nicht, wohin.

Und die Treppen oben zu den Gleisen?
Der Zugang wirkte nicht auf, weil überall standen behelmte Polizist:innen. Ich hab aber ein paar gesehen, die hoch konnten.

Im Tunnel waren ja auch Polizist:innen. Was haben die gemacht?
Eine Wand war komplett belegt mit Polizisten, die haben die abgeschirmt. Und … Ja, und später, als es dann unruhig wurde, war das Vorgehen sehr grob. Ich hab auch ne Faust gesehen. Am schlimmsten waren die Ein- und Ausgänge. Da sind die Leute hin, und dann schnell wieder zurück, wahrscheinlich wegen Pfefferspray. Laute Schreie.

Welche Seite war denn die, wo es später rausging: rechts oder links?
Das war dann links. Rechts war der Hauptausgang und links in den Hinterausgang.

Und es gab eine Bewegung nach links?
Ja, aber die is wieder umgedreht. Weil da auch nichts ging.

Was war die Reaktion der Menge?
Es gab viele Schreie. Leute wollten raus, haben geschrien, dass sie keine Luft mehr kriegen. Es war sehr panisch. Ich war da auch… Wenn ich daran zurückdenke.. Ich war da auch definitiv überfordert. Man kommt an, geht ganz friedlich die Treppen runter und es gibt direkt Gewalt und man wird in nen Tunnel gedrängt.

Gab es Reaktionen der Polizist:innen in der Menge im Tunnel?
Hab ich nicht mitbekommen. Ich stand aber auch an der Treppe. Da hat man nicht so viel gesehen wie im Tunnel.

Wie hat sich die Situation dann aufgelöst?
Irgendwann ist der Hinterausgang freigeworden. Da hat es sich aufgeteilt. Wir sind auch vorgelaufen und haben die Demosanis gesucht, weil es so viele Verletzte gab. Die hatten aber auch das Problem, dass die Polizei sie teilweise nicht durchgelassen hat.

Gab es danach Kommunikation zu dieser Situation von Seiten der Polizei?
Nein, gar nicht. Es gab generell sehr wenig Kommunikation. Ich hab gesehen, dass der Veranstalter der Kundgebung mit der Polizei geredet hat. Ansonsten stand da nur dieses Auto, dass wir Abstand halten sollen und Mundschutz tragen. Das war’s.

Die erste Ansage gab es irgendwie zwei Stunden, nachdem wir im draußen im zweiten Kessel waren. Wir wussten lange Zeit gar nicht, konnte man auf Toilette gehen? Konnte man sich was zu trinken holen? Das ging auch alles nicht. Ansonsten… Mir sind einige Leute begegnet, die dann noch Panikattacken hatten.

Ich muss immer an diese eine Frau denken, die sich innerhalb der Kundgebung im Gitter bewegt hat. Die hat sich laut drüber aufgeregt, was passiert. Die hat dafür aus einem Meter ne volle Ladung Pfefferspray ins Gesicht bekommen und ist direkt panisch zusammengebrochen. Also wie gesagt…

Generell die Kundgebung. Anfangs haben wir noch vor der Kundgebung gesessen und haben Karten gespielt, um die Zeit abzusitzen. Dann kam die Polizei: Alle in die Kundgebungsfläche, keiner davor. Aber die Kundgebung war für 75 Leute abgesperrt. Trotzdem wurden alle reingeschubst und es gab wieder Pfefferspray und nach ner halben Stunde oder so, wurde die Kundgebung von allen Seiten zugemacht.

Es gab Situationen, wo wir Leuten gerade die Augen ausgewaschen haben, die Pfefferspray abbekommen hatten – und dann gab es wieder Pfefferspray, sodass wir auch was abbekommen haben. Und dann haben wir gemerkt, dass von der anderen Seite dasselbe passiert. Da hat man sich eingepfercht gefühlt.

Und dann kam noch die Situation, wo die BFEler [Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten] in die Kundgebung rein sind und das Lazarett von den Sanis überrannt haben. Und dann die Kundgebung nochmal 50, 100 Meter enger gezogen haben. Also Abstand war überhaupt nicht mehr möglich. Ich konnt auch keine Maske mehr tragen, weil beide Masken von mir mit Pfefferspray voll waren.

Warum sind die BFEler in die Demo rein?
Was ich gesehen habe, waren Einzelne, die versucht haben, aus dem engen Kessel rauszukommen. Und dann deswegen is man wohl direkt da rein, um das alles zu zu machen. Die Art und Weise, wie man da rein ist …

Ich hab gemerkt, wie sich die reinste Panik breit macht, weil die Leute … Die standen noch auf gefühlt hundert Metern zusammen. Wenn die noch näher kommen, was machen wir. Also, es war ne sehr, sehr heftige Situation. Es ist schwer zu verarbeiten. Wenn ich dran denke, muss ich immer noch zittern. Es war einfach durchgehend so heftig.

Was waren die vier Seiten der Kundgebung, die gekesselt wurde? Also wie wurde die abgesperrt?
Also, von zwei Seiten war sie abgegittert und mit eng geparkten Polizeiwagen zugestellt, zusätzlich. Hinter den Gittern standen Polizeireihen. Eine Seite Mauer. Vierte Seite: Zugang zur Kundgebung, Richtung Gleise, da war anfangs offen. Haben sie dann später mit etlichen Reihen zugemacht, wobei sie den Platz eben enger gemacht haben, 50 bis 100 Meter.

Und das waren die BFEler, die über Verletzte und Sanitäter gestürmt sind?
Genau. Da sind sie einfach drübergelaufen. Es wurde auch generell nicht ermöglicht, die angemeldete Kundgebung zu verlassen, ohne sich abfilmen zu lassen und seine kompletten Personalien abzugeben.

War irgendwas passiert?
Es gab den Versuch, eine Spontankundgebung weg vom Kessel zu starten. So sah das aus. Da haben sich Leute aufgestellt, wollten loslaufen. Nach fünf bis zehn Metern hat die Polizei sie mit Pfeffer und Schlagstöcken zurückgedrängt. …

Man durfte einzeln auf Toilette, also was heißt auf Toilette, man musste in einen Busch gehen. Anfangs auch die Frauen. Irgendwann wurden sie weiter weg begleitet. Aber anfangs mussten sie vor der Kundgebung in dem – ja, Busch kann man das kaum nennen. Und sich da von Polizisten begleiten lassen.

Ok, Dankeschön. Wenn Ihnen noch irgendwas einfällt, dann melden Sie sich gern.
Also, ich kann Ihnen noch einen Vorfall erzählen. Nachdem wir die Kundgebung verlassen durften, Wir durften, wollten wir zu einer anderen angemeldeten Versammlung. Wir hatten das Gefühl, dass wir den Nazis bis dahin überhaupt nicht unseren Protest lautstark entgegenbringen konnten.

Von Polizisten?
Bei mir waren es Polizisten. Ob es bei Frauen Polizistinnen waren, kann ich gerade nicht sagen.

Auf dem Weg wurden wir von 6 bis 8 Polizisten in einem Wohngebiet kontrolliert. Wir mussten unsere Personalien abgeben, Taschenkontrolle, Abtasten, Fotos machen. Bei den Fotos mussten wir mit Maske und ohne [die Masken aufsetzen, die voll waren mit Pfefferspray]. Keine Begründung, warum wir kontrolliert wurden. Es wurde nicht erklärt oder kommentiert.

Eine ältere Dame, eine Anwohnerin hat aus dem Fenster gerufen: ‚Was soll das denn hier? Was machen Sie mit denen! Gehen Sie lieber zu den Nazis und kontrollieren die!‘ Das war das einzig Schöne an der Situation. Aber da haben wir circa ne halbe Stunde gestanden. Die Fotos fand ich am dreistesten. Aber wir konnten nichts machen. Und keinerlei Begründung.

Und die Kundgebungen auf der anderen Seite vom Bahnhof, in der Stadt?
Da hat man uns von Anfang an nicht hingelassen. Nach der Kontrolle hatten wir keine Lust mehr, es weiter zu probieren. Es war sehr erschreckend. So ein grundloses, so ein extremes Vorgehen, das hab ich noch nie erlebt. Allein die Bilder im Tunnel. Leute haben gesessen, auf dem Boden gelegen, Blut und Co. Der Tunnel war vielleicht drei Meter breit, man konnte mit der Hand an die Decke fassen.

Also, das mit dem Pfefferspray war unverantwortlich, das zu nutzen, weil es da komplett gestanden hat und man kam ja nicht raus, sprich, man stand in der Wolke drin. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Menschen geschrien haben.

Amelie F.

  • 27 Jahre alt
  • arbeitet an einer Uni und promoviert in Soziologie

Wie sind Sie nach Ingelheim gekommen?
Ich hab mich in Mainz mit zwei Freundinnen getroffen. Wir waren frühstücken und haben dann spontan entschieden, zur Demo zu fahren.

Wir sind in den nächsten Zug gesprungen und ich habe zeitgleich noch meinen Geschwistern geschrieben, die dann mit dem Auto nach Ingelheim gefahren sind.

Im Zug selbst war es friedlich und ruhig. Die Sonne hat noch geschienen, wir sind gutgelaunt hingefahren. Auf dem Gleis in Ingelheim standen etwa 15 Polizisten. Nicht so viele. Das fand ich für eine Demo nicht außergewöhnlich, die weisen einem ja manchmal auch den Weg.

Wir sind die Treppen runter, in den Tunnel rein. Die Leute vor uns und hinter uns sind da auch rein. Es wurde skandiert, „Antifaschisti“ oder sowas. Es war klar, wir zeigen: Wir sind hier gegen die Nazis. Aber dann waren wir im Tunnel und es gab Gedränge. Von hinten und von vorne.

Wir wollten rechts aus dem Tunnel raus, durch den Hauptausgang zur Stadt zu einer angemeldeten Kundgebung. Eigentlich fast alle Kundgebungen waren ja in der Stadt. Auf der rechten Seite. Da stand aber nur Polizei und es schien irgendwie nicht weiterzugehen.

Im Gedränge bin ich dann ziemlich schnell panisch geworden und dachte, ich will nur raus. Meine Freundinnen waren aber so, Naja, wir wollen ja eigentlich in die Stadt, sollen wir nicht hier im Tunnel bleiben und warten. Wir haben überlegt, ob die Polizei vielleicht gleich alle durch den Tunnel zur Stadt geleiten will. Aber ich habe Platzangst und hab gesagt: Ich muss raus.

Wir sind links durch die Leute durch. Da stand aber auch Polizei. Dann hat es sich weiter hochgeschaukelt, sodass gerufen wurde. Es gab Geschubse von beiden Tunnelausgängen. Die Polizei hat aber den Weg versperrt. Ich hab die gefragt: Können wir raus. Die haben uns taxiert und uns dann rausgelassen. Dann waren wir hinter den Polizisten, aber immer noch im Tunnel.

Wir haben dann kurz überlegt, weil es war wirklich sintflutmäßiges Wetter. Da haben wir nochmal gestanden und gewartet, weil wir nicht wussten – weil wir ja dachten, vielleicht werden wir jeden Moment zusammen zum Hauptausgang geleitet. Das gibt’s ja auch manchmal, dass es gesammelt und dann geleitet wird. Aber im Gegenteil, es hat sich nur verschärft.

Es ist sehr, sehr aggressiv geworden. Und dann wurde geschrien. Dann sind wir nur noch weggerannt und haben unter nem Baum Schutz gesucht. Wir waren einfach froh, dass wir dieser Situation entkommen sind. Wir sind rechtzeitig gegangen in dem Sinne, dass wir die Schlagstöcke und das Pfefferspray nicht – nicht mehr mitbekommen haben.

Es war so schon wirklich gedrängt, panisch und chaotisch im Tunnel und es gab überhaupt keine Ansagen oder irgendwie – also, die Polizei hätte ja auch sagen können: Wir leiten Sie jetzt geschlossen nach links und gucken dann, dass Sie dahin kommen, wo Sie hinkommen wollen. Aber draußen gabs dann gar keine Polizei, die einem hätte sagen können, wo man hingehen sollte.

Was habt ihr dann gemacht?
Draußen hab ich meine Geschwister gesucht: Die waren bei der angemeldeten Kundgebung. Da ist dann der zweite Kessel passiert, wo wir stundenlang festgehalten wurden. Einfach nur, weil wir da waren.

Haben Sie mitbekommen, was die Polizei da gemacht hat?
Als wir ankamen, hatte die Polizei schon mit Autos, etwa 50 Einkaufswagen und Gittern diesen Zaun gebaut und dann wurden wir reingedrängt. Man konnte da nicht durchgehen. Man kam nicht raus, es war wie eine Mauer. Alle wurden in die Absperrung gepfercht, ohne Grund. Es war friedlich. Das einzige, was es gab, waren Leute, die raus wollten.

Ich hatte meine kleine Schwester dabei, es war ihre zweite Demo. Ich hab noch nie so eng gestanden. Neben uns stand ein Mann mit seiner Teenager-Tochter, die war maximal 16. Es waren ältere Leute da, eine Rollstuhlfahrerin – es war nicht der ‚militante schwarze Block‘.

Was haben Sie gedacht in dem Moment?
Es war eine schlimme Erfahrung, der Willkür so komplett ausgeliefert zu sein. Die erste Kommunikation der Polizei war um 16:30 Uhr, da waren wir schon zweieinhalb Stunden im Kessel. Zwischendurch wurde der Kessel ja enger gezogen, aus irgendeinem Grund.

Was ist noch passiert?
Einer hatte einen Zettel dabei, er hat gesagt: Ich bin hier Veranstalter, wir sind jetzt mehr als 75 Personen, für die dieser Raum abgesperrt ist, Sie können uns nicht so zurückdrängen, der Versammlungsraum ist zu klein für so viele Menschen. Ein Polizist hat versucht, ihm das Papier aus der Hand zu reißen und hat ihn geschubst. Da hat sich ein anderer Mensch eingeschaltet und wollte ihm beiseite springen.

Er ist weggerannt, und ist in einen Dornbusch gerannt. Die Polizei hat ihn wieder rausgezogen. Er lag dann auf dem Boden und schien bewusstlos. Da haben ihn zwei Polizisten am Boden fixiert und ein dritter hat ihm mehrmals mit der Faust geschlagen. Obwohl er schon bewusstlos am Boden lag.

Wie war so die Stimmung in der Menge?
Die Sonne hat gebrannt. Zu dem Zeitpunkt war es wieder sehr, sehr heiß. Ein Mann hat Ukulele gespielt, Leute haben gesungen. Die meisten saßen am Boden, einige haben Wasser gesammelt und einige haben Verletzte versorgt.

Dann fingen die Nazis an zu laufen, in 100 Metern Entfernung, und wir sind aufgestanden und haben in diesem Kessel skandiert: Nazis raus. In dem Moment kam Polizei und hat eine Schneise in den Kessel geknüppelt. Einfach so.

Ich hatte gedacht: Jetzt können wir endlich das machen, wofür wir hier sind, nämlich ein Zeichen gegen die Nazis setzen. Und in dem Moment hat sich die Polizei in den Kessel geknüppelt, über die Sanitäter drüber und sich so aufgestellt, dass der Kessel plötzlich noch viel, viel enger war.

Ich dachte: Jetzt kann es jederzeit passieren, dass die Polizisten, die vor uns stehen, auf uns drauf laufen. Dass es irgendwie Panik gibt. Dass die Leute hinter uns schieben.

Wie seid ihr dann aus dem Kessel gekommen?
Bei der ersten Durchsage, an die ich mich erinnere – die war gegen 16:30, da hat die Polizei gesagt, dass man nur raus gehen darf, wenn man irgendwie so ne EDV-Erkennung machen lässt. Keine Ahnung, was das ist. 20 Minuten später hieß es dann, in zehn Minuten dürfe man raus, also in Gruppen, ohne EDV.

EDV bedeutet, sie nehmen Ihre Personalien auf und machen Fotos.
Ah, ok. Ich habe ehrlich gesagt auch das Gefühl, es wurde Desinformation betrieben. Also wie gesagt, die Kommunikation … Die hat überhaupt nicht stattgefunden. Zu keinem Zeitpunkt wurde gesagt, was Sache ist, warum dieser Kessel zustande gekommen ist.

Ein Mann hat einen, ich glaube, Gruppenleiter der Landespolizei, gefragt, was die Bundespolizei hier macht, als die in den Kessel rein sind. Woraufhin der Gruppenleiter gesagt hat, ja er wüsste das nicht, er habe keine Ahnung. Also, das kann man ja nicht ernst nehmen, dass die keine Ahnung haben wollen, was die Polizei macht, die fünf Meter entfernt von ihnen steht.

Die Polizei hat ja auch Kommunikationsmenschen, die irgendwie so Westen tragen, wo ganz groß „Kommunikation“ draufsteht. Die haben sich immer nur sehr selektiv nur gezeigt. In manchen Momenten immer nur … Ich hatten den Eindruck, dass die gezielt den Veranstaltungsleiter in ein Gespräch verwickelt haben, als die Beamten zum ersten Mal den Kessel kleiner geschoben hat.

Und dann sind sie aber in bestimmten Momenten auch einfach weggegangen, standen dann da, haben auch auf Zurufe nicht reagiert, sind nicht gekommen. Insgesamt war die Kommunikation skandalös. Es gab immer wieder Verletzte, es gab Panikattacken, wo nach Sanitätern gerufen wurde, die Polizei die Information an die Sanitäter sehr widerwillig oder gar nicht weitergegeben hat.

Das klingt nicht schön.
Es war nicht schön. Ich hab insgesamt den Eindruck, dass die Linie der Polizei doppelt problematisch war. Einmal, die Einsatztaktik: auch das Auftreten, die Kommunikation, die Desinformationsstrategie.

Das andere war das individuelle Fehlverhalten. Beschimpfungen und Provokationen. Da waren junge Frauen, die gar nicht da sein wollten, die nur ihre Freunde gesucht hatten. Die haben gefragt: Dürfen wir raus, gibt es Wasser? Die Polizei hat sie erst ignoriert.

Dann hat einer aus der Demo gesagt, er würde sich schämen, wenn er als Polizist arbeiten würde. Darauf hat ein Polizist gesagt: Gehen Sie doch überhaupt mal arbeiten. Ich finde das so respektlos und unangemessen. Die sind doch da in ihrer Berufsprofession – die sind doch professionell da. Die können sich doch nicht auf Pöbeleien runterlassen in so einer Situation.

Waren die Einheiten der Polizei gekennzeichnet?
Manche Polizisten haben ihre Einsatznummern verdeckt. Die haben Taschen – von der Größe, dass eine Kamera reinpasst – über ihre Einsatznummern gehängt, sodass man das nicht sehen konnte. Die haben das auch auf mehrere Nachfragen nicht entfernt oder ihre Dienstnummer angegeben. Das ist doch ein Verstoß!

Einmal als Einordnung: Wenn ihr im Kessel wart und nicht einfach gehen durftet, dann wart ihr in Gewahrsam –
Also wie gesagt, das weiß ich überhaupt nicht, weil das wurde nicht – oder sagen Sie das jetzt?

Ja. Das ist so.Und dass ihr in Gewahrsam wart, bedeutet, dass die Polizei für eure Verpflegung zuständig war. Per Gesetz. Es wäre die Pflicht der Polizei gewesen, euch in der Hitze mit Wasser zu versorgen.
Das haben sie nicht gemacht. Die Polizei hat uns kein Wasser gegeben. Die ganze Zeit. Das war ganz ironisch, weil: Als wir dann den Kessel verlassen durften, sind wir auf so ne ewig lange Straße geleitet worden. Und 50 Meter dahinter stand dann ein Polizist, der Wasser ausgeschenkt hat in Plastikbechern. Aber erst, nachdem man den Kessel verlassen hatte. Das war einfach nur ironisch. Sie hatten irgendwie riesige Wassermengen, aber im Kessel gab es nur Wasserzufuhr von Privatleuten, die mit Autos gekommen sind.

Wie war es mit Toilette?
Es hieß: Ja gehen Sie doch ins Gebüsch. Aber das war nicht wirklich ein Gebüsch, zumindest nicht, wenn man darunter was versteht, was Sichtschutz gibt.

Wurden Frauen von Polizistinnen zum Gebüsch gebracht?
Das kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht.

Wie ging es weiter im Kessel?
Es gab immer wieder einzelne Leute, die versucht haben, rauszukommen. Ich hab immer mal wieder mitbekommen, dass es Geschrei gab.

Was haben Sie gemacht?
Ich hatte unglaubliche Angst, weil ich dachte: Ich bin vollkommen der Willkür der Polizei ausgeliefert. Ich kann nichts tun, um hier rauszukommen. Die deutsche Polizei besteht ja hauptsächlich aus weißen, jungen Männern. Die standen da vor mir, in Uniformen und bewaffnet und ich hatte den Eindruck: Wenn die jetzt entscheiden, mit dem Schlagstock in unsere Richtung zu laufen, haben wir ein Problem.

Dass wir nicht verletzt wurden, war eh pures Glück. Wir haben Pfefferspray abbekommen, aber nicht viel. Und keinen Schlagstock. Die Polizei hat mehrfach einfach so mehrere Menschen angesprüht oder einfach reingeschlagen.

Im Nachhinein hab ich mir die Verletztenzahlen angeschaut: Wir waren etwa 250 Menschen und 120 wurden verletzt. Da ist es wirklich pures Glück, dass keiner von uns fünf verletzt wurde. Also körperlich.

Die Tunnelsache ist mir im Gedächtnis geblieben. Die Luft war schlecht, das Gedränge war nicht zu überblicken, es war eng und dunkel. Da hab ich um mein Leben gefürchtet. Dabei war das noch gar nicht mit Pfefferspray. Im Kessel war es ähnlich: Wir wussten, wir kommen nicht raus. Eine Frau neben mir hatte eine Panikattacke, sowas hab ich noch nie gesehen. Sie hat sich nicht beruhigen können. Die war maximal 20, wahrscheinlich sogar jünger.

Wenn Sie das mit Ihren bisherigen Erfahrungen vergleichen –
Ich hab bisher überhaupt gar keine Erfahrungen in diese Richtung gemacht. Also, ich war schon auf ein paar Demos, aber sowas… Das hab ich noch nie erlebt. Diese Gewaltbereitschaft. Dass die Polizei gar kein Interesse daran hatte, die Leute vernünftig ihre Gegendemonstration abhalten zu lassen. Von vornherein als Feind behandelt zu werden.

Hat das irgendwas für Sie verändert in Ihrer Einstellung zur Polizei?
Ja, auf jeden Fall. Was sich zeigt, ist, dass es eine Systematik gibt. Einerseits sind sie sehr bemüht. Ich hatte schon beruflich mit der Polizei Mainz zu tun. Da wurde viel betont, dass ihnen viel liegt an der interkulturellen Öffnung der Polizei und dem Schutz aller Leute, die hier sind.

Aber die Gewalt, die Stigmatisierung, die da vorgenommen wurde… Die hat mich sehr verunsichert, muss ich sagen. Man hört ja immer wieder Geschichten, dass es rechtsextreme Tendenzen in der Polizei gibt, wo man sich gerne vorstellen möchte: Das sind nur ein paar Zellen oder sowas. 

Aber am Samstag hatte ich den Eindruck, es hat System. Die Mannesstärke, die da aufgefahren wurde. Wenn man sich vorstellt, dass 100 Meter entfernt die Neonazis marschieren und wir werden so behandelt, weil wir gegen sie protestieren wollen. Bei mir hat es zu einem großen Misstrauen im Umgang mit der Polizei geführt. Auf allen Ebenen. Vom Polizeipräsidenten, über Dozenten an Polizeischulen, über Schutzpolizisten oder Polizisten, die mir in der Bahn entgegenkommen.

Wollen Sie weiter auf Demos gehen?
Ja, ich werd trotzdem, also, ich hab ganz fest vor, am Samstag nach Hanau zu fahren. Also, dahingehend lass ich mich nicht einschüchtern. Aber die Frage, ob die Polizei, ja, keine Ahnung – also die Notwendigkeit, dass mit den Strukturen der Polizei kritisch gearbeitet wird, die seh ich ganz klar.

Richard G.

  • 38 Jahre alt
  • war in Ingelheim als IG-Metall Respekt-Vertreter [Respekt

Sie haben geschrieben, dass Ihr Kumpel zweimal ohnmächtig geschlagen wurde. Wie ist das abgelaufen, in welcher Situation?
Das war in dem Kessel bei der Veranstaltung, wo die Demosanitäter verletzt wurden und ihr Zeug beschädigt worden ist. Ich hab mich neben den Veranstalter gestellt, der mit der Kommunikation gesprochen hat.

Ich wollte hören, was er mit der Kommunikation spricht. Er forderte Toiletten an und dass der Einsatzleiter vor Ort kommt. Das konnten sie nicht versprechen, aber sie haben gesagt, dass sie sich drum kümmern.

In dem Moment kamen die BFE-Einheiten und haben uns zusammengedrängt. Die wollten, dass wir hinter das Gitter gehen, wo gar kein Platz war. Also technisch war da gar keine Möglichkeit auszuweichen.

Es gab dann weiter vorne Gerangel, auch mit dem Bruder von dem Kollegen. Da hat die Polizei Leute gegen Gitter geschubst. Dabei ging seine teure Ray Ban Brille kaputt. Der Kollege ging dazwischen. Dann haben sie ihn in den Schwitzkasten genommen, aus dem hat er sich leider befreit, dummerweise.

Ist ein paar Meter weiter gekommen und da haben sie ihn dann komplett niedergeprügelt. Die waren zu zweit auf ihm drauf gesessen. Das Bild hab ich noch. Da war er schon nicht mehr wirklich bei sich. Er hat dann dagesessen, es durften auch glücklicherweise ein paar Sanitäter hin.

Was wir nicht wussten: Es war ein älterer Mann dabei, der war ein Arzt aus Wiesbaden. Der ist jetzt Zeuge. Mein Kollege war dann wieder wach, hat die Polizei gesehen, war komplett desorientiert. Ist dann dummerweise aufgestanden und panisch losgerannt und dann haben sie ihn komplett niedergeknüppelt.

Und wohin wollte er?
Einfach nur weg, anscheinend. Er ist Richtung Ausgang gerannt.

Und er war panisch? Warum, wegen Enge?
Ne, anscheinend wegen der ersten Situation, wo sie ihn niedergeknüppelt haben. Das wär auch nicht so tragisch gewesen, vielleicht könnte man das noch mit Widerstand [gegen die Polizei] vertreten. Auch wenns schwachsinnig wär.

Aber dann sitzt halt ein Polizist auf ihm und schlägt ihm fünfmal in die Niere. Wo sogar der Arzt nebendran gesagt hat: Das ging jetzt überhaupt gar nicht. Ja.

Und das eigentlich nur, damit er die Hände auf den Rücken macht. Aber der lag auf seinen Händen. Der hatte gar keine Chance, die Hände auf den Rücken zu tun. Das is für mich reine Polizeigewalt, also da hörts für mich auf.

Also er lag auf dem Boden, da sitzen zwei Mann auf ihm drauf, er hat die Hände an der Brust, unter sich, dass er die gar nich rausbekommt. Und ein Polizist schlägt ihm in die Seite rein. Das geht gar nicht.

Wo waren Sie?
Ich bin hinter das Gitter gegangen. Wir wurden dann angegriffen, auch die Demosanitäter et cetera pp. Und neben mir stand ne ältere Dame und damit ihr nichts passiert, hab ich halt meinen Arm hochgemacht. Da bin ich am Arm von nem Schlagstock und vom Pfefferspray halt im Gesicht – ich hab dann bei einem Polizist, von dem ich die Einsatznummer notiert hatte, nach nem Arzt verlangt.

Der hat bloß ausgelacht und meinte: Hinter dir sind doch die Ärzte. Da ich aber schon gemerkt hab, dass mein Finger richtig weh tut, hab ich nach nem Arzt verlangt. Was verweigert wurde. Ich hab dann die 112 gewählt und hab dann gleich bekannt gegeben, dass die drei Demosanitäter hinter mir jetzt gleich nicht ausreichend sind für die Anzahl der verletzten Personen. Die Einsatzleitstelle hat dann auch zwei, drei Krankenwagen vorbeigeschickt. Einer hat mich dann auch persönlich genommen.

Und was ist mit dem Finger?
Gottseidank ist er nur geprellt. Ich bin zwei Tage arbeitsunfähig geschrieben. Da hab ich mehr Glück als Verstand gehabt, vielleicht. Definitiv hats viele, viele andere Leute viel, viel härter getroffen. Also es muss knapp – ich weiß nicht, es waren dreißig Leute, die auf dem Boden rumlagen und komplett durch waren, sich zu rühren oder sich zu bewegen.

Also, es war komplett eklig. Ich durfte auch nur in den Krankenwagen, wenn ich die Personalien bei der Polizei abgeb. Da haben die zu mir gesagt: Herr Soundso, wenn Sie uns anzeigen, Sie wissen hoffentlich, dann kriegen Sie selbst ne Anzeige von uns. Angeblich wegen Beleidigung. Aber ich hab keinen einzigen Polizisten beleidigt.

Waren Sie vorher auch im Tunnel?
Am Tunnel bin ich mit angekommen mit dem Zug. Die Leute wurden in den Tunnel reingelassen, auch nach rechts. Und am Ausgang wieder blockiert. Von hinten wurden sie auch abgesperrt, sodass sie nicht mehr aus dem Tunnel rauskonnten. Und dann wurden sie einfach angegriffen.

Ich war – total – also, ich weiß nicht, was sich die Polizei gedacht hat. Normalerweise hätten sie unten den Tunnel schon absperren können mit Gittern oder was, sodass man wirklich nur links gehen kann. Dann wäre das irgendwie auch noch vertretbar gewesen.

Aber die Leute erst nach rechts zu lassen, bis kurz vor den Ausgang, dann den Tunnel zuzumachen und die Leute zum Umkehren zu zwingen: Das ist sehr provokant. Ich hab mich oben positioniert und versucht, das so gut wie möglich mit dem Handy zu dokumentieren.

Was natürlich auch von der Polizei wieder … verhindert wurde. Aber man konnte sich da teilweise durchsetzen, die ersten Bilder gibt’s ja auch. Ich hab meine jetzt noch nicht veröffentlicht, weil vielleicht kann mans noch irgendwo gebrauchen. Ja.

Haben Sie irgendwas mitbekommen im Laufe des Tages: Sowohl was den Tunnel betrifft, als auch den Kessel danach bei der Kundgebung – wo etwas passiert ist, von der Demo ausgehend, von den Leuten ausgehend. Irgendetwas, das erklären
Nein.

könnte
Nein, nein.

warum die Polizei
Nein.

so gehandelt hat?
Nein, nein. Ich weiß es von anderen Demos, dass man vielleicht auch mal versucht, eine nicht genehmigte Route zu nehmen, um schneller irgendwo hinzukommen. Hab ich alles schon erlebt. Aber hier war das nicht der Fall.

Die Leute sind erstmal am Bahnhof in die Falle getappt. Da wurden sie hintenrum auf die Kundgebung gelenkt und dann wurden sie gleich wieder abgeschnitten. Also, die hatten keine Möglichkeit, irgendwie irgendwas zu machen.

Auch diese Absperrung später: Ich hab gefragt, mit welchem Grund das hier abgesperrt wird. Und das mit nem freundlichen, bittenden Ton. Dann hat der Polizist mich dumm angeflaumt und hat gesagt: Befehl von oben und mehr habe mich auch nicht zu interessieren.

Es kamen noch zwei Ordnerinnen dazu, die selbst gesagt haben, sie sind Ordnerinnen und eigentlich ist ihre Toilette auf der anderen Seite und sie würden gerne durch. Denen wurde gesagt, sie können ins Gebüsch urinieren. Wo ich gesagt habe, das ist jetzt aber nicht Ihr Ernst.

Also, es gab Toiletten, aber der Zugang wurde verwehrt?
Nein. Der Veranstalter hat – kurz bevor das dann richtig eskaliert ist – hat er ja Toiletten angefordert.

Das heißt: Leute sollten zum Urinieren ins Gebüsch gehen?
Richtig. Männer sind auch hingegangen, wurden aber von drei Polizisten begleitet. Und ich hab eine junge Frau gesehen, die sich getraut hat. Ob die aber uriniert hat oder nur wieder aufgestanden ist, bei den drei Polizisten.

Also wenn da drei Polizistinnen mitgegangen wären, hätte ich noch ein Auge zugedrückt, vielleicht. Aber drei Polizisten und eine junge Frau von circa 18 gehen hinter einen Busch und da soll sie urinieren – das is, also das is…

Das waren drei Männer?
Das waren drei Männer. Also, da is mir als, also als Vertrauensmann der Daimler AG is mir da wirklich komplett die – also ich hab wirklich mich beherrschen müssen, dass ich wirklich im neutralen Ton noch mit den Polizisten sprech, weil … ja. Ich bin für die IG Metall angereist, um die Respekt-Aktion aus Frankfurt zu unterstützen. Deswegen bin ich nach Ingelheim gereist. Und hatte auch die Respekt-Kleidung an von der IG Metall, von da her war ich auch ersichtlich. Aber, die waren wirklich eskalierend, die Polizisten.

Ist Ihnen was aufgefallen zur Kennzeichnung der Beamt:innen?
Die aus Rheinland-Pfalz waren gekennzeichnet. Die aus Baden-Württemberg: Die hatten teilweise keine.

Und dass Leute die verdeckt oder abgenommen hätten?
Da müsste ich meine Fotos ansehen. Ich war da mit Pfefferspray und mit Aufregung, mit Krankenwagen telefoniert, die wollten wissen, wie viele Verletzte es gibt. Da hab ich das nicht genau mitbekommen. Aber am Rande waren ein paar, da war überhaupt nicht zu erkennen, woher die sind oder ob sie eine Nummer anhaben.

Bei uns am Ausgang is definitiv nichts passiert, da standen mal zwanzig Leute und haben sich erkundigt, warum wir nicht rausdürfen. Die haben auch diskutiert mit der Polizei, aber definitiv nicht aggressiv. Es wurde erst aggressiver, als die Polizei uns von der Freifläche in die Gitterbox gezwängt hat, die absolut zu klein war. Und da gabs auch das Gerangel, wo mein Kollege verletzt worden ist.

Und der hat nichts weiter gemacht, als zu versuchen, wegzulaufen?
Ja. Also sein Bruder wurde geschubst, da hat er sich dann dazwischen gestellt. Weil sein Bruder verletzt worden ist. Dann wurde er in den Schwitzkasten genommen – ja. Und dann waren halt die Beamten auf seinem Rücken drauf.

Ich hab heut seinen Rücken gesehen: Der wird morgen zu Dokumentation zum Urologen gehen, seine Nieren untersuchen lassen. Das hab ich ihm extra geraten: Dass er das sofort machen soll, aber er wollte halt einfach nicht.

Auf jeden Fall hab ich gesehen, dass er zwei blaue Flecke am Rücken hat und das war genau die Stelle, wo der Polizist zugeschlagen hatte, und das geht so nicht. Bei aller Liebe: Sie können jemanden verhaften, Sie können ihn auf den Boden legen, hab ich gar kein Problem damit. Aber sowasu, da wird’s eklig. Das dürfen wir uns auch nicht gefallen lassen. Ich hab jetzt gerade wieder Bilder gesehen, aus Düsseldorf und aus Hamburg, wo sie auf 15-Jährige drauf gehen. Das geht doch nicht.

Spike und Mona

40 und 20 Jahre alt

Aktivist:innen

Wie war das, als ihr in Ingelheim angekommen seid?
SPIKE: Als wir ankamen, war absolut alles friedlich. Wir sind dann von der Polizei runtergeführt worden, in diese Unterführung. Zu dem Zeitpunkt waren wir in der Mitte, vorderes Drittel. Da haben wir gesehen, dass die Cops anfangen, auf die Leute einzuprügeln. Ohne, dass irgendwas passiert ist.

Einige haben sich gewährt, aber wir sind dann im Ganzen gedreht, weil von vorne der Druck kam. Dann haben sie hinten – da waren auch Cops. Die waren völlig perplex. Die sahen aus, als würden sie denken, wir drehen um und würden die angreifen wollen.

Dementsprechend haben sie natürlich auch reagiert. Von hinten kamen auch Cops. Die haben nicht mit sich reden lassen und nicht realisiert, was da gerade abgeht. Dass wir gerade wirklich von zwei Seiten gedrückt werden.

Drinnen haben Leute angefangen zu schreien. Haben keine Luft mehr bekommen. Es war wirklich, wirklich übel. Ich bin dann an die Wand, an die Cops gedrückt worden, die da an der Wand standen. Die waren auch vollkommen außer sich. Die haben gepfeffert, mit ihren Knüppeln geschlagen, mit den Fäusten geschlagen.

Leute um mich herum haben geschrien: Wir können nicht mehr atmen! Guck doch mal, was da drinnen passiert, eure Kollegen drücken von der anderen Seite, lasst die Leute hier raus! Und… Es war wirklich, wirklich – also ich hatte wirklich Schiss.

Ich hab auch schon einiges erlebt, aber so ne Situation in so nem Tunnel drin. Ich hab mich dann umgedreht und gesehen, wie eine von den behelmten Cops über einen Demonstranten gestürzt ist und in der Menge versunken ist, einfach. Weil da kein Platz war, um wieder aufzustehen.

Es war … Also es hängt mir auch jetzt wirklich noch nach.

Mona, wie haben Sie das erlebt?
MONA: Ich kann mich erinnern, dass von beiden Seiten die Cops kamen, uns eingedrückt haben. Dann hab irgendwann keine Luft mehr bekommen und realisiert, dass wirklich Pfefferspray in der Luft lag.

Wo wart ihr im Tunnel?
SPIKE: Ich war relativ am Eingang, wo die Leute reingeschoben wurden.

MONA: Ich war weiter links, eher in der Mitte.

SPIKE: Wir sind am Anfang ganz normal, ganz locker da durchgelaufen. Und in dem Moment, als es vorne abging und klar war, dass die Leute zurückgedrückt wurden, hab ich mich umgedreht und bin auf die Polizisten am Ende zugegangen. Dann wurde es immer enger und immer enger und irgendwie hat es mich dann nach außen gedrückt.

MONA: Und ich hab halt versucht, ziemlich am Tunnelrand, an der Wand zu bleiben. Weil ich Angst hatte, weil ich ja auch ein bisschen kleiner war wie manch anderer. Hab Angst gehabt, ich würd da in der Masse untergehen. Und hab richtig gemerkt, wenn ich mir keinen Rand gesucht hätte, ich glaub, ich wär irgendwo auf dem Boden gewesen, keine Ahnung. Weil halt so Gedränge und Geschubse…

Ihr habt es beide so erlebt, dass der Druck der Polizei von beiden Tunnelseiten kam?

MONA & SPIKE: Ja.

SPIKE: Der kam definitiv von beiden Seiten.

Die Polizei hat zwischendurch gesagt, dass die eine Seite – die wo ihr am Ende rausgedrückt wurdet – dass die die ganze Zeit offen gewesen sei.
MONA: Ne, nein, das stimmt nicht.

SPIKE (gleichzeitig): Ne, Bullshit, das stimmt nicht, da standen nämlich die Leute, die am Anfang auf die Demonstranten eingeprügelt haben. Da standen die prügelnden Bullen und hatten uns zurück in Tunnel getrieben. Wirklich.

Davon habe ich ein Video gesehen.
SPIKE: Ja. Und auf der anderen Seite, die Cops haben einfach nur gedrückt, weil sie wahrscheinlich dachten, wir wollten da irgendwie bei ihnen durch. Da kam dann auch noch Verstärkung und die haben uns dann so richtig draufgegeben. Dadurch wurde es ja auch immer enger. Und irgendwann dann mal, irgendwann haben sie die Situation realisiert und haben sich langsam zurückgezogen, sodass wir rauskonnten.

MONA: Aber ich hab da wirklich kurz gedacht: Ich komm hier nicht lebend raus. Das hat mich so die Loveparade damals erinnert. Obwohl ich nicht dabei war. Aber die Bilder.

SPIKE:  Ja, es waren sehr viele – also, die Schreie dadrin die waren schon – heftig. Und sehr, sehr ernst. Selbst ich hab keine Luft mehr gekriegt und ich bin groß und kräftig. Also. Das war nicht schön. Alle Leute, mit denen ich geredet habe, die da waren – es war der absolute Horror.

MONA: Sowas hab ich auch noch nicht erlebt.

SPIKE: Das Maß an absolut sinnloser Gewalt. Wir waren gerade angekommen.

MONA: Es sah auch so geplant aus. Es sah so aus, wie wenn die uns extra da rein gebracht hätten, um auf uns einzuprügeln.

SPIKE: Ich denke nicht, dass es so war –

MONA: Aber es kam einem wirklich so vor.

SPIKE: Es kam einem so vor, als hätten sie uns da runter geführt und wollten uns einmal ordentlich gefügig prügeln und uns dann zu dem Platz bringen, wo sie uns quasi für den Rest des Tages inhaftieren. Das war der Gesamteindruck.

Es gab ja mehrere angemeldete Kundgebungen an dem Tag: Wurdet ihr gefragt, zu welcher ihr wollt?
SPIKE: Nein. Wir wurden nichts gefragt. Meines Wissens gab es fünf angemeldete Gegendemos an dem Tag. Aber wir wurden nach dem Tunnel zu dieser einen hingeschoben, direkt gekesselt, es kam niemand mehr raus.

Leute, die versucht haben, da noch rauszukommen, wurden gnadenlos gejagt. Zwei sind von der Mauer gesprungen, der eine is weggerannt, auf den anderen haben sich zwei Cops geworfen und die haben den behandelt, als hätte er gerade nen Mord begangen. Wirklich.

Was haben sie gemacht?
SPIKE: Die haben – mit drei Leuten haben sie sich auf ihn draufgekniet, einer hat sich ins Kreuz gekniet, einer hat sich auf die Beine gekniet, und einer auf die Schulter. Dann haben sie ihm die Arme nach hinten verdreht, mit Kabelbindern gefesselt. Hochgezerrt, und irgendwo weggebracht. Weiß nicht wo. Die Person wurde nicht mehr gesehen.

Später hat noch ein anderer versucht, aus dem Kessel zu flüchten. Als der Kessel zusammengezogen wurde. Den haben sie auch zu Fall gebracht. Das war ein Schmerzgriff… Was ich so noch nicht gesehen hab. Die Beine angewinkelt und den einen Unterschenkel in die Kniekehle vom anderen Bein. Dann das Bein hochgezogen und sich draufgekniet. 

Das hat sehr schmerzhaft ausgesehen und für den wurde dann später der Rettungswagen gerufen. Wenn das Bein nicht gebrochen ist … Man hat noch gesehen, dass – Als sie fertig waren, sind welche an mir vorbeigerannt und einer rief: „Und was is mit dem hier?“ Er hat keine Antwort bekommen und ist weitergerannt. Und ich stand dann da.

MONA: Ich weiß auch noch, als wir in dem großen Kessel waren – ich hab mehrfach gefragt, ob ich auf die Toilette darf. Die lange Zugfahrt, über zwei Stunden, da konnten wir nicht, weil alle Toiletten überflutet waren. Und ich hab mehrfach gefragt, und nach ein paar Stunden durfte ich endlich ins Gebüsch gehen. Und da sind andauernd Polizisten an mir vorbeigelaufen.

Es war kein sichtgeschützter Bereich?
MONA: Nein.

Wurden Sie von Polizistinnen begleitet?
MONA: Von zwei Polizistinnen und noch zwei andere Frauen. Wir haben uns gegenseitig Jacken hochgehalten, damit wir wenigstens ein bisschen geschützt waren.

SPIKE: Uns männlich gelesenen Personen wurde die Möglichkeit gar nicht gegeben. Manche durften ins Gebüsch, aber die meisten mussten an die Mauer.

Ihr musstet an die Mauer urinieren?
SPIKE: Ja.

Vor aller Augen?
SPIKE: Ja. Eine andere Sache, die mich schockiert hat: Als sie die letzte Polizeikette reingezogen haben, kurz bevor sie entschieden haben, den Kessel dann doch nach und nach auf zu machen – da haben sie die Sanitätsstation umgerannt.

Sie haben Verletzte weggestoßen. Haben die Ausrüstung der Sanitäter weggetreten. Es war… Es war total grotesk. Willkür. Entkommen war sowieso unmöglich. Jeder, der versucht hat, zu entkommen, wurde gejagt.

Habt ihr irgendwas gesehen – gab es irgendwelche Situationen, wo ihr sagen würdet: Da waren Demoteilnehmende, die haben sich nicht korrekt verhalten.
SPIKE: Was ich gesehen habe, nicht. Wir haben mehrfach versucht, ob sie uns rauslassen. Haben mehrfach versucht zu diskutieren. Es wurde aber nirgendwo versucht, durchzubrechen oder anzugreifen oder sonst irgendwas.

War auch vollkommen zwecklos. Die standen in Dreierreihen und haben das Pfefferspray gezückt, sobald sich wer genähert hat. Es gab überhaupt keine Möglichkeit. Jeder Versuch wäre ein absolutes Himmelfahrtskommando gewesen.

Auch das erste Kesselplenum. Da ging es darum, was machen wir jetzt. Wir haben sowieso keine Chance, wir müssen was organisieren, damit die Menschen gestützt werden, denen es gerade schlecht geht. Da ging es null um irgendwelche Versuche, rauszukommen. Es liefen ja auch Verhandlungen.

Der parlamentarische Beobachter und der EA-Anwalt haben mit dem Einsatzleiter diskutiert. Lange. Und der parlamentarische Beobachter hat mir dann noch gesagt, er und der Einsatzleiter hätten sich richtig in die Wolle gekriegt.

Im Kessel: Waren da auch Minderjährige?
MONA: Ja. Wir hatten selbst auch 15- und 16-Jährige dabei.

SPIKE: Wir hatten zum Teil Leute dabei – das war ihre erste Demo. Es gab auch viele Ältere, da war ne Familie, ein Mensch im Rollstuhl –

MONA: Der Mensch im Rollstuhl wurde ganz am Schluss auch umgetreten von der Polizei.

SPIKE: Ja, ganz am Schluss.

MONA: Ja, als es Richtung Heimweg ging.

Der wurde umgetreten – wie – wart ihr dabei?
SPIKE: Nein, wir kamen gerade ums Eck, als die Polizei gestürmt hatte. Wir haben dann mit den Betroffenen und Verletzten gesprochen. Da war ein junges Mädchen, die hatte den ganzen Arm aufgerissen.

MONA: Ich hab mich da erst gar nicht hingetraut. Die Ereignisse im Tunnel und bei der Versammlung fand ich schon so ergreifend, dass ich mich erst nicht getraut hab, da in die Nähe zu gehen.

Habt ihr gesehen, also, in Rheinland-Pfalz gilt ja die Kennzeichnungspflicht –
SPIKE: Die Dienstnummern haben sie abgemacht. Wir haben wirklich beobachtet, wie manche sich die Nummer abgemacht haben. Und da wussten wir schon, jetzt knallts gleich wieder. Danach haben sie den Kessel enger gezogen.

MONA: Ja.

SPIKE: Einer neben mir hat auch gesagt: Ach du Scheiße, jetzt geht’s gleich los. Die nehmen sich die Nummern ab.

Und direkt danach sind sie über das Lazarett gestürmt?
SPIKE: Ja.

MONA: Ja. Die sind auch einmal komplett durch den Kessel durchgelaufen. Ich war schon extra in die andere Ecke gelaufen, weil ich Angst hatte, wenn ich da in der Nähe bleib, dass mir dann was passiert.

SPIKE: Als sie den Kessel das erste Mal zugezogen hatten, da waren wir auf der anderen Seite und haben uns umgedreht und sind zur Sani-Station. Da haben wir gesehen, wie die Leute wirklich dutzendweise getragen wurden. Mit komplett roten Augen, rote Gesichter. Die Sanitär waren völlig überfordert, weil sie nicht wussten, wem spülen sie jetzt zuerst die Augen aus?

Dann ging das Wasser aus. Dann haben sämtliche Leute, die noch Wasser hatten, das abgegeben, damit den Leuten die Augen ausgespült werden konnten.

MONA: Die haben gesagt, wir sollen so viel behalten, dass wir selbst nicht kollabieren. Aber – das war fast nicht möglich. Vor allem, wenn man dauernd trinken möchte, durch die Hitze und den Druck und alles. Nicht kollabieren.

SPIKE: Das Groteske, wo ich wirklich dachte, ich werde hier komplett verarscht – das war, als sie den Kessel zusammengeschoben hatten. Sodass man innen wirklich dicht beieinander stehen musste, weil einfach kein Platz mehr war. Da haben sie tatsächlich so nen Wagen vorgefahren. 

Einen weißen Polizeiwagen, wo groß in Leuchtschrift draufstand: Halten Sie den Mindestabstand von 1,5 Meter ein und tragen Sie Ihre Maske. Das war – Zweimal haben die den aufgefahren. Einmal, nachdem sie den das erste Mal enger gezogen haben und dann, als sie ihn so richtig eng gezogen haben.

MONA: Ab der Zeit durfte man auch nicht mehr auf Toilette gehen.

SPIKE: Es gab ja auch nichts mehr dafür.

MONA: Man durfte auch nicht. Man durfte nicht mehr in den Busch reingehen. Die hatten uns auch versprochen, dass wir im Rathaus oder im Kreisverband auf die Toilette gehen können. Zumindest wir Frauen. Das war nicht der Fall. Man hat auch wirklich alles gesehen. Ich hab da erstmal gehockt und konnte nicht, obwohl ich wirklich musste.

SPIKE: Man hat da auch männliche Personen pinkeln lassen. Stellen Sie sich vor, was da für ein Matsch war.

Habt ihr mit so einem Verlauf gerechnet?
SPIKE: Nein.

MONA: Nein. Wir waren ja auch letztes Jahr in Ingelheim. Das war ein friedlicher Protest, wo ganz viele mitgegangen sind. Das war auch alles wirklich gar kein Problem.

SPIKE: Dieses Jahr haben sie uns nicht zu den Protesten gelassen, zu denen wir wollten. Die Leute, die die Kundgebung durchgeführt haben, die waren selber total perplex, dass wir da angekarrt werden, Cops drumrum, fertig. Die durften dann ja auch nicht mehr raus. Die wurden dann einfach mit eingesperrt.

Wie spät war es, als ihr den Kessel verlassen durftet?
SPIKE: Moment, ich muss nachgucken.

MONA: Was ich krass fand, war auch, dass der Sicherheitsabstand wegen Corona nicht möglich war.

SPIKE: Ah. Um 17:24 kam die Nachricht, dass wir den Kessel jetzt in Fünfergruppen verlassen können, ohne erkennungsdienstlich behandelt zu werden. Gegen 17:30, 17:40 haben sie die erste Gruppe rausgelassen.

Gegen wie viel Uhr seid ihr angekommen?
SPIKE: Das war vier Minuten vor zwei.

Ab wie viel Uhr wart ihr in etwa im Kessel?
SPIKE: Keine Ahnung. Da hat es in Strömen geregnet.

Also: Ihr wurdet durch strömenden Regen zum Kessel gebracht?
SPIKE: Richtig. Und wir waren alle klatschnass durchnässt. So richtig nass. Es war ein Unwetter.

MONA: Danach war die ganze Zeit pralle Sonne und wir konnten nicht ausweichen, weil nicht genug Schatten da war.

SPIKE: Gar kein Schatten. Außer der Pavilion von den Veranstaltern.

Habt ihr Wasser von der Polizei bekommen?
MONA: Nein.

SPIKE: Nein, von der Polizei nicht. Es sind Anwohner gekommen und haben uns mit Wasser versorgt. Später sind ein paar Leute von der Kundgebung – die haben sich abfilmen lassen von der Polizei und ihre Personalien abgeben müssen, um rauszudürfen. Und die sind dann in den nächsten Supermarkt und haben ein paar Einkaufswägen mit Wasser gekauft und zum Kessel gebracht.

Von der Polizei gabs erst Wasser, als wir aus dem Kessel raus waren. 50, 100 Meter weiter. So: Hier biet ich mein Wasser an. Das war wirklich grotesk. Im Kessel haben wir keins bekommen. Der ganze Tag war ein einziger gesetzeswidriger Einsatz. In Kandel war es nicht so extrem wie hier. Einige sind da definitiv traumatisiert rausgegangen. Viele.

Habt ihr Panikattacken mitbekommen?
SPIKE: Ja.

MONA: Ja, auch selber gehabt.

SPIKE: Ich hab’s nen Tag später gemerkt. Da wollten wir zu nem Protest gegen die sogenannten „Coronarebellen“. Da hab ich gemerkt: Oh Gott, da werden auch wieder Cops sein. Ich kann das heut nicht.

Sind Sie hingefahren?
SPIKE: Ne. Konnt ich wirklich nicht.

MONA: Ich hab ne Panikattacke bekommen, als ich im Tunnel war und gemerkt hab, dass ich wegen dem Pfefferspray keine Luft bekomme. Da hab ich echt gedacht, ich geh drauf. Ganz ehrlich. Aber ich hab dann erstmal nach den anderen geschaut, wie es denen ging. Und irgendwann kam die Luft doch wieder.

SPIKE: Der ganze Tunnel war voll. Es gab keinen, der nichts abbekommen hat. Der ganze Tag war Polizeigewalt.

MONA: Stimmt. Die waren null auf Kommunikation aus. Die wollten prügeln und kamen mit ihren Pfeffersprays.

Protestfotografie Frankfurt: anonymer Protestfotograf

Wie haben Sie die Situation im Tunnel erlebt?
Ich bin aus Frankfurt dahin gefahren und mit allen zusammen ausgestiegen. Als es im Tunnel anfing, bin ich ein Stück zurückgegangen. Im Gedränge im Tunnel zu arbeiten war nicht möglich, es war ein großes Drängeln und Schubsen und Pfefferspray in der Luft, es war mega unübersichtlich, eng und dunkel.

Also bin ich ein Stück zurückgegangen, die Treppen hoch. Für mich als Pressevertreter war das möglich. Andere Menschen wurden wieder runtergeschickt. Im Tunnel selber waren auch Einheiten, die dann mit umschlossen wurden. Es wirkte alles nicht so richtig zuende gedacht, oder wie auch immer. Also für mich war nicht ersichtlich, zu welcher Seite man jetzt raus soll, oder ob man überhaupt raus kann oder wie die Situation ist. Weil von allen Seiten Polizei kam.

Wie ist das abgelaufen?
Es war eng und gedrängt, eine Polizeikette wurde überwunden, das waren acht Leute zwischen hundert und dem Ausgang aus dem Tunnel. Die Menge ist also zum anderen Ende des Tunnels, um rauszukommen, und da kams dann zum Pfefferspray-Einsatz.

Gab es den Pfefferspray-Einsatz von beiden Seiten?
Das weiß ich nicht. Es lag Pfefferspray in der Luft. Ich bin ja die Stufen zum Gleis hochgegangen, weil es da auch zu dunkel war für Fotos.

Und das war möglich?
Für mich als Pressevertreter: Ja, auf jeden Fall.

Und für die anderen Menschen im Tunnel?
Alle Leute, die schwarz angezogen waren, wurden wieder runtergeschickt. Ein paar andere durften oben stehen bleiben.

Wie wirkte die Polizei?
Auf jeden Fall entschlossen, ihr Konzept durchzusetzen. Um jeden Preis. Später schien es mir so, die hatten kein Interesse am Naziaufmarsch, also die Stadt. Aber wer an dem Tag die Störer sind – aus Polizeisicht – das stand an dem Tag schon fest: Der Protest gegen die Nazis. Die wollte man unter Kontrolle halten.

War das am Bahnhof die Bundespolizei?
Da war auf jeden Fall viel Bundespolizei. Ich schau mal eben auf die Fotos … Also ja, das am Tunnel, das ist auf jeden Fall Bundespolizei, mit den Abzeichen. Und ne, das dann später, das war aus Baden-Württemberg, die Einheiten. Aber ich glaube, die haben auch nur das gemacht, was die Einsatzleitung denen gesagt hat. Ich schau mal eben beim Kessel … Das war …

Beim Kessel war es dann Rheinland-Pfalz. Bei der Kundgebung, die gekesselt wurde und wo wieder Pfefferspray eingesetzt wurde. Die Einsatztaktik aus dem Tunnel hat sich da fortgeführt. Großflächig Pfefferspray und die Leute zusammenpferchen. Ich würde also nicht sagen, dass das was mit Bundes- oder Landespolizei zu tun hat. Mich hat auch verwundert, dass nachdem die Leute stundenlang eng zusammengepfercht festgehalten und geschlagen und gepfeffert wurden, hat man sie gehen lassen. Warum war die Gewalt vorher notwendig?

Gab es bei der Tunnelsituation irgendeine Art der Kommunikation der Polizei, die stattgefunden hat?
Also, nicht über Lautsprecher oder sonst was. Es gab keine Durchsagen oder irgendwas, das wer außer der ersten Reihe verstanden hätte. Das hat mich auch gewundert.

Also nicht so wirklich Kommunikation?
Es gab keine Durchsagen, was mit den Leuten, die das aussteigen passieren soll. Dass es mehrere angemeldete Kundgebungen gibt und man dahingehen kann. Sondern, die Leute haben den Zug verlassen, und dann ging es direkt los.